Filmkritik - Wir die Wand

Auf der „Süd“, da gibt`s ka Sünd nit …

Plakat von Wir die Wand… es sei denn, auf`m Platz stecken Langsame Brüter „den Sand in den Kopf“ (Lothar Matthäus). Dann kann es für die Aktiven schnell `mal ungemütlich werden. Denn im Prinzip gibt es schließlich nur für Niederlagen adäquaten Ersatz. Habe die Ehre („alles andere ist primär“), nicht wahr Herr Krankl? Zwar will Prinz Poldi erkannt haben, dass Fußball „eigentlich wie Schach“ sei; nur eben ohne Würfel. Im Idealfall funktioniert diese Sportart allerdings eher mit betont rustikaler Dynamik. Als das entsprechende Feuchtgebiet der Region muss derzeit Dortmund gelten. Seit Jürgen Klopp dort der große Vorturner ist, zelebriert man Fußball vom Feinsten. Das unselige Wirken des Michael Maier hatte zur Folge, dass kaum noch konkurrenzfähiges Personal über den Rasen hoppelte; zwischenzeitlich war die Club-Führung des börsennotierten Vereins offenbar derart vom Arbeitseifer ihres einstigen Managers geblendet, dass ihr nicht einmal mehr der Unterschied zwischen Liebes- und Steuererklärung aufzufallen schien.
Vorbei das Menetekel. Auf der „Süd“ –(Kurve), der angeblich größten Stehplatztribüne Europas, ist zumindest in sportlicher Hinsicht die Welt wieder in Ordnung. Weniger appetitliche Begleiterscheinungen der anhaltenden Erfolgsgeschichte (zum Beispiel die zeitweise Unterwanderung durch rechtsradikale Sicherheitskräfte und deren zweifelhaftes Demokratieverständnis) bleiben bei der „ultimativen Fan-Doku“ verständlicherweise außen vor; die Thematik hätte ohnehin den vorgegebenen Rahmen gesprengt. Ganz abgesehen davon, dass man ja generell manch anderem Verein ebenso unterstellen muss, den Begriff Mannschaft auf fragwürdige Weise mit dem Terminus Kader zu verknüpfen. Es gab halt nicht nur die ominöse Borussen-Front.
WIR, DIE WAND bestätigt immerhin furios jenen Teil des äußeren Eindrucks, den die Verantwortlichen angestrebt haben mögen. 25000 Besucher, wahlweise Wundergläubige oder Fußball-Verrückte des schwarz-gelben Phänomens (immerhin die Einwohnerzahl Olpes) geben bei jedem Heimspiel stehenden Fußes eine extrem stimulierende Kulisse ab. Sie soll dem jeweiligen Gegner Respekt einflößen, noch besser aber, das Fürchten lehren, den Schneid abzukaufen. So ist ihr Universum beschaffen. Dieses emotionale Bollwerk ist jedenfalls seit Jürgen Klopps Inthronisation für den gesichertem Tabellenrang der oberen Kategorie mitverantwortlich. Die Kapitalgesellschaft Borussia Dortmund, bis auf weiteres mutmaßlich einzig ernsthafter Widersacher der erfolgsverwöhnten Bayern während der laufenden Saison, hat derzeit ohne Zweifel einen Lauf, von dem sich auch gern die Medien inspirieren lassen.
Der verdiente Dokumentar-Filmer Klaus Martens nahm sich des Borussen-Hochs mit gleich 16 Kameras an. Sein Blick richtet sich zunächst auf das Panorama der schwarz-gelben Mauer während des Spiels gegen Mainz 05 am 20. April 2013, kurz nachdem das „Wunder von Dortmund“ (gegen Malaga) abgefeiert war. Im weiteren Verlauf dieses „modernen Heimatfilms“ und einer gleichermaßen „cineastischen Liebeserklärung an die BVB-Fans“ (so Sonia Mikich, Leiterin des Inland-Ressorts WDR bei der Pressevorführung), widmet sich Martens ausschließlich den Gesängen, Ritualen und Motiven ausgewählter Protagonisten auf den sogenannten billigen Rängen. Jeder wurde von „seinem“ Kameramann auf Schritt und Tritt bis zum Spiel-Ende begleitet. In keiner Phase verlässt der Film die Tribüne. Das Geschehen auf dem Spielfeld spiegelt sich nur in deren Gesichtern, oder gelegentlich in der Mimik und dem Kommentar des Borussia-Urgesteins mit Kultstatus, Norbert „Nobby“ Dickel, seines Zeichens Stadionsprecher, früher selbst gefeierter Stürmer in Köln und später bis zum Karriereende hin in Dortmund – gleichsam der rote Faden einer leidenschaftlichen Affäre zwischen gutbezahlen Profis und ihrem Anhang.
Der Aufwand für diese Produktion, in der weder Ball, noch Tor sichtbar eine Rolle spielen, ist erheblich und wäre ohne den großen (WDR)-Sender wohl nicht zu stemmen gewesen. Und die Rechnung geht tatsächlich auf mehrfache Weise auf. Selbstverständlich sucht man den Streifen vergeblich nach kritischen Einwänden ab. Die Intension war von vorne herein, das Projekt mit prallem Leben anzureichern – es lebt vom hingebungsvollen Wahn, nicht von Analysen.

PV Wir die Wand

Regisseur Klaus Martens und Sonia Mikich im Gespräch mit Vertretern der Presse.

Das Wohlwollen der „Chefin“ (Sonia Mikich) gegenüber dem Herzenswunsch von Klaus Martens ist durchaus nachvollziehbar, weil der Film tatsächlich nicht allein fesselnde Momente einer bestimmten Gilde Gleichgesinnter liefert, sondern unmittelbar Einblick in die soziale Befindlichkeit der Stammgäste zulässt. Anna Kathrin (20, Prostituierte, Block 14) direkt auf die Kamera fokussiert: ....“bei Heimspielen ist im Bordell nichts los. Da mach ich auch keine Verluste, wenn ich selbst auf der Südtribüne bin.“ Ein kurzer Spruch zum langen Statement wissenschaftlicher Betrachtungsweisen. Auf seine Weise ebenso erhellend die Sicht von Karin (70, Rentnerin, Block11): „Solange ich das Stehvermögen habe, werde ich auf der Süd sein. Sitzplatz kommt für mich nicht in Frage.“ Nur wenn man weiß, dass die alte Dame krankheitsbedingt auch schon im Rollstuhl zu den Wettkämpfen kam, kann man die Inbrunst erahnen, mit der sie als Zuschauer das Runde ins Eckige wünscht. Olli (24, Chemikant, Mitglied der Ultras-Gruppe >The Unity< , Block 13) ist sich sicher, dass er „als Vorsänger auf dem Podest lernt, wie man die Mannschaft nach vorne treibt. Die Stimmung auf der Südtribüne hat schon manches Spiel entschieden.“ Und Heinz (59, Bergmann in Frührente, Block 81) meint: „Die Solidarität, die ich in der Wand erlebe, habe ich sonst nur unter Tage kennen gelernt.“ Ähnlich begeistert klingt die Wortwahl der übrigen Edel-Fans. Klassenschranken sind hier offensichtlich kein Thema. Aber klar ist auch – im gleichen Stadion sitzen auch Zuschauer, deren Vereinstreue durch andere Werte definiert wird. Fabian, genannt Borsti (27, Holztechniker, Block 13) bringt es auf den ultimativen Punkt: „Ich setze alles daran, kein BVB-Spiel zu verpassen. Und das ist mir in den letzten elf Jahren gelungen. Bei 1000 Spielen war ich dabei.“
Fußballherz, was willst du mehr? Dieses Bekenntnis dürfte „Kloppis“ Haupthaar wieder sprießen  lassen.
Och geh `Franz`, was sagst Du  nocha zu dem Film-Event? Jo mai, i werd` halt an Kaiserschmarrn dazu dichten – Überschrift: „Der Grund ist nicht die Ursache, sondern der Auslöser. Na, dann pfüat di!

(Martin Graetz)

 

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