Filmkritik - Nymph()maniac 2

Szenenbild aus dem Film Nymph()maniac 2Während der erste Teil noch in den Kinos läuft, startet der zweite Teil von Lars von Triers Abschluss der Trilogie der Depression (Antichrist, Melancholia, Nymph()maniac). Zusammengehalten wird dieses wuchtig-düstere Tryptichon unter anderem durch die sensationelle Charlotte Gainsbourg. Ihr Vater, der zu früh verstorbene Serge Gainsbourg, der auch kein Kind von Traurigkeit war und in Frankreich immer noch nahezu gottgleich verehrt wird, wäre stolz auf diese uneitle, radikale Performance.

Szenenbild aus dem Film Nymph()maniac 2Joe (Gainsbourg) erzählt in weiteren Kapiteln Seligman (Stellan Starsgard), der sie im ersten Teil von der Straße gerettet hat und ihr Schutz und Obdach bot, von ihren Lehrjahren als bekennende Nymphomanin. Im ersten Teil wurde ihre Jugendzeit thematisiert, während Joe im zweiten Teil von ihrem quasi religiösen Erweckungserlebnis als Zwölfjährige und ihrem Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben und der Suche nach immer extremeren Formen der Befriedigung erzählt. Der Film erfüllt zwar mit expliziten Sexszenen, die gängigen Kriterien eines Pornos, unterläuft jedoch die Erwartungshaltung, die mit dem Filmtitel einhergeht. Joe begibt sich in immer drastischere und schmerzhafte Situationen, wird aber nie Erlösung von ihrer Einsamkeit und dem Ausgeschlossensein finden.

Szenenbild aus dem Film Nymph()maniac 2Seligman stellt das intellektuelle Gegengewicht zur körperlich fixierten Joe dar. Ihre Berichte und Träume interpretiert er ohne sie zu bewerten. Lars von Trier nutzt diesen Charakter, um dem Film einen religiös-philosophischen Überbau zu geben, der jedoch an manchen Stellen zu konstruiert wirkt. So erfahren wir als Zuschauer einiges über den unterschiedlichen Umgang mit der Lust in der östlich-orthodoxen Kirche (lustfreundlich) und der westlich-katholischen (lustfeindlich), über die Nymphomanin Messalina (Frau des römischen Kaisers Claudius) oder die Hure Babylon. Untermalt wird das ganze mit schwerdeutscher Klassik (Bach, Beethoven und natürlich Wagner). Das Ganze verleiht dem Film eine extreme Schwere, nötig ist es nur bedingt. Gegen die klösterlich und schmuddelige Enge des Zimmers von Seligman werden Bilder voller Weite und Naturmystik gestellt, die ihre Vorbilder in den Filmen von Lars von Triers Vorbild Tarkowskij finden. So findet Joe am Gipfel eines Berges einen einsamen, sich gegen die unwirtliche Landschaft und die Gipfelstürme stemmenden ihrer Seele entsprechenden Baum. Bei allem Drama sollte allerdings nicht vergessen werden, dass es schon durchaus witzige Situationen gibt. Wenn Joe Sex mit zwei Schwarzen hat (Sandwichtechnik) und diese sich nicht entscheiden können, wer sie von vorne oder hinten nehmen darf. Zu sehen sind dabei im Vordergrund die erigierten, scheinbar miteinander streitenden Schwänze und im Hintergrund die sichtlich irritierte und der Handlung nicht folgen könnende Joe. Joe bricht gänzlich aus der bürgerlichen Welt und ihren Moralvorstellungen aus als sie sich entschließt, ihren Mann (Shia LaBeouf)  und das eigene Kind zu verlassen. Inzwischen nutzt sie ihre  Erfahrungen mit Männern, um für einen Mafia-Boss (Willem Dafoe), Geldschulden einzutreiben. Dabei zieht sie sich eine blutjunge und skrupellose Nachfolgerin heran, die ihr einerseits Kinderersatz ist, mit der sie aber auch eine erotische Beziehung eingeht.

Szenenbild aus dem Film Nymph()maniac 2Selbstverständlich, das darf bei einem Film von Lars von Trier verraten werden, ist weder in dieser noch in der väterlich-freundschaftlichen Beziehung zu Seligman ein happy end vorgesehen. Mit der Figur der Joe hat von Trier seine Reihe faszinierender und starker Frauenfiguren (Bess aus Breaking the waves, Selma aus Dancer in the Dark, Grace aus Dogville) fortgesetzt und zu einem Endpunkt gebracht. Kaum vorstellbar, dass von Trier nach dieser tour de force in nächster Zeit ein weiteres Drama mit weiblicher Protagonistin dreht. Grandioser Schlusspunkt ist die ultracoole von Beck produzierte und Charlotte Gainsbourg als Epilog des Films gesungene Coversion von Jimi Hendrix` „Hey Joe“ im Abspann.

Udo Glasmacher

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