Filmkritik - Montana Sacra - Der heilige Berg
(von Martin Graetz)

Ein Monument der Filmkunst
Dass John Lennon nicht nur ein begnadeter Songschreiber und Interpret war, darüber hinaus auch erheblichen Einfluss auf die 68-ger Generation hatte, ist hinreichend bekannt. Weniger geläufig ist, dass der Ober-Beatle (wie übrigens auch Ringo und George Harrison) aktiv dem Gevatter Film zugetan war. Ohne dessen Millionen-Deal mit Regisseur Alejandro Jodorowsky wäre womöglich der Heilige Berg – immerhin ein Highlight der Cinematographie - nie gedreht worden. Die Harry Potter-Generation dürfte kaum je von ihm gehört haben. Nach endlosen vier Dekaden erlebt das Werk, umrahmt von weihnachtlichem Gesäusel, seine Kino-Wiedergeburt - kulturelle Wunder gibt es immer wieder. Schließlich datiert seine Entstehung aus dem Jahr 1973. Zeitgleich findet auch Jodorowskys großartige Western-Paraphrase „El Topo“ erneut den Weg in die Lichtspielhäuser.

MONTANA SACRAWas nun macht MONTANA SACRA so einzigartig? Zunächst einmal: Dieser Film war, ist und bleibt heftig umstritten. Aber er hebt sich andrerseits in Form und Inhalt radikal von den gängigen Gestaltungsmustern jener Jahre ab (und erst recht von denen aktueller Produktionen). Seine morbide Faszination trotzt nicht zuletzt deshalb dem üblichen Alterungsprozess. Seine mystisch aufgeladenen Bilderwelten, angereichert mit rhetorischen Verweisen aus tausend-und-einer-Kristallnacht, beziehen nebenbei die Erkenntnis ein, dass die Welt eben doch nur eine (Matt)- Scheibe ist.

MONTANA SACRAJodorowskys Intention fußt auf unterschiedlichen spirituellen Traditionen voller allegorischer Darstellungen, in die sich eine beträchtliche Portion Brutalität, Nacktheit und oft auch grimmiger Humor mischen. Über vielfach geäußerte Kritik, der Streifen verzichte allzu konsequent auf eine lineare Handlungsstruktur, ist MONTANA SACRA erhaben. Na und? Wem das poetisch-grausame Spiel um Erkenntnis und Wahrhaftigkeit zu undurchsichtig erscheint, sitzt ohnehin im falschen Film. Ganz abgesehen davon, dass dieser Vorwurf eher in Richtung mancher Blockbuster zu schleudern wäre. Das bewundernswert austarierte Gemenge aus (Selbst)- Täuschung und philosophischem Anspruch vollzieht sich auf surrealer Ebene und kommt in der Tat dem Mainstream-Publikum keinen Millimeter entgegen - eine orgiastische Abfolge ungebändigter Phantasie - frei nach der offenherzig bekannten Maxime des Multi-Künstlers: „Die meisten Regisseure machen Filme mit ihren Augen. Ich mache Filme mit meinen Eiern“. Entsprechend ausufernd fällt der visuelle Reichtum seines Metaphern- gespickten Bombardements aus. Der Chilene (* 1929) mit jüdisch-ukrainischen Wurzeln stimmt in seinem unvergleichlichen Meisterwerk ein nahezu 120-minütiges Hohelied auf die spirituelle Befreiung an. Mag für den geneigten Betrachter die anarchische Ode an die Erleuchtung längst im esoterischen Nirwana abgetaucht sein, so verliert sie deshalb nicht zwangsläufig ihre Gültigkeit.

Der `spiritus rector` des globalen Underground-Kinos (als den man den von Marcel Marceau ausgebildeten Pantomimen, Schauspieler, Comiczeichner und Heiler in den frühen 70-gern sah) schickt eine Gruppe Menschen auf einen phantasmagorischen Trip zu einem „Heiligen Berg“.

MONTANA SACRAAuf dessen Gipfel sollen neun Weise thronen, die das Geheimnis der Unsterblichkeit besitzen. Jodorowsky selbst gibt ihren Heilsbringer - den Alchemisten – mit einer bizarren Schluss-Pointe. So beschwerlich sich die Reise gestaltet – wer möchte nicht der Unvergänglichkeit teilhaftig werden? Voraussetzung sei, dass jeder der Suchenden – allesamt Strauchdiebe der gehobenen Art - zuerst sein eigenes Ego aufgibt, bis die Gruppe nur noch ein einziges, gemeinsames Bewusstsein habe.

Der Dreh dieser wahrlich verstörenden Trugbilder fiel in die Hoch-Zeit amerikanischer Verblendung, den Vietnam-Krieg doch noch ruhmreich beenden zu können. Verblüffend, wie ähnlich sich seinerzeit Jodorowskys Alchemisten-Versprechen gegenüber General Westmorelands Apocalypse-Vision ausnahm.

Ein Film, der weit über den Tag hinaus nachwirkt; ein Fest für die Sinne, aber nicht weniger für den Verstand. Wer ihn mindestens zwei Mal gesehen hat, wird den Geschmack von kreativem Geist und innerem Abenteuer noch mehr zu würdigen wissen.

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