Filmkritik - In The Darkroom

Die Monster-Braut
Es soll ja Menschen geben, die einfach nicht therapierbar sind. Sie zeigen keine Reue für ihr Tun, sie haben keinerlei Schuldempfinden und es ist demzufolge auch zweifelhaft, inwieweit ihnen derartige Wertigkeiten beizubringen wären.
So sehr diese Einschätzung auf den österreichischen (Inzest) - Fritzl hindeutet; krankhafte Machtbesessenheit  hat im vorliegenden Fall das etwas komplexere Paralleluniversum des Polit-Gangsters Ilich Ramirez Sanchez alias CARLOS zum Inhalt. Gemessen an dessen Vita  erscheinen selbst Fritzl`s perverses Betthupferl in mildem Licht. Einerseits darf sich die Gesellschaft glücklich schätzen, dass der einstige Top-Terrorist durch die politischen Zeitläufe in den Orkus gespült wurde, andrerseits irritiert, wie ebendiese angesichts der aktuellen Geschehnisse seine weltweite Blutspur negiert.
Nein Leute, es war nicht Don Carlos, der Panzerfaust-Anschläge auf EL-Al-Flugzeuge verübte. Genau so wenig attackierte Carlos Santana das OPEC-Hauptquartier in Wien (bei dem es Tote und über 60 Verletzte gab). Und das war bei weitem nicht alles. Seit seiner Ergreifung 1994 durch französische Geheimagenten im Sudan schmort das inzwischen zum Islam konvertierte Monster in lebenslanger Isolationshaft. Dort stattete ihm die in Syrien geborene Tochter Rosa einen kurz bemessenen Besuch ab. Das familiäre Tete-a-tete muss freilich ernüchternd für den Nachwuchs gewesen sein. Wohlweislich durfte das Kamera-Team nicht zugegen sein.
Eine Film-Dokumentation über den Terror-Paten, den selbsternannten Berufsrevolutionär und verhinderten Playboy mit merkantilem Scharfsinn stand spätestens an, als seine Angetraute ihre Lebenserinnerungen zu Papier brachte. Im medialen Zwei-Schichten-Verfahren beleuchtet die Deutsche Magdalena Kopp ihr Verhältnis zu jenem Mann, der für unzählige Menschen Tod und Verderben bedeutete. Von glaubhafter Einsicht in ihre schuldhafte Verstrickung der damaligen  Gemengelage spürt der Betrachter allerdings wenig. Vielleicht also zeiht sie deshalb der Ex- Mitverschworene Hans-Joachim Klein der Heuchelei. Heute lebt die geschrumpfte Kopp-Familie wieder im heimeligen Ulm und kümmert sich um Migranten-Kinder. Während der heißen Phase ihrer Liaison mit dem „Schakal“ ließ sich die gelernte Photographin zum anderen Extrem hinreißen. Muss man nun die Metapher von der Verblendung bemühen, da sich Frau Kopp doch ausnehmend unpolitisch gibt? Sie sei hineingeschliddert in das Szenario. Als der Hochstapler seine Avancen gemacht habe, sei sie eigentlich angewidert gewesen; in der Dunkelkammer, wohin er ihr folgte, hat sich demnach nichts entwickelt.
Solche Banalitäten vermögen jedenfalls nicht schlüssig die Beweggründe eines gutbürgerlichen Mauerblümchens zu erhellen, sich einer Gruppe Desperados anzuschließen, um an der Seite des Leaders das politische Spektrum in eine schönere Zukunft zu bomben.
So aufschlussreich IN THE DARKROOM für ein Publikum sein kann, das zwischen den Zeilen zu lesen gelernt hat – der Gesamteindruck bleibt dennoch zwiespältig, weil das Rechtfertigungsgesäusel zu sehr dominiert. Kopps Erzählungen dürften allenfalls die einfache Wahrheit und damit ein gefundenes Fressen für Psychologen sein. Nach Adenauer gibt es schließlich noch die reine Wahrheit und die lautere Wahrheit.

(Martin Graetz)

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