Filmkritik - Der Fremde am See

Anatomie einer verstörenden Beziehung
„Das Unbekannte macht uns oft Angst, ist jedoch die Bedingung der Ekstase“ (Georges Bataille). Nun, die Konsequenz aus der erkennbaren Geistesverwandtschaft zu dem französischen Literatur- und Philosophie-Giganten muss nicht zwangsläufig skandalös ausufern.  Dennoch liegt in der Überschreitung des einstigen Verbots sexueller „Verirrungen und Ausschweifungen“ auch heute noch eine verlockende Ambivalenz. Menschen, die ausschließlich ihre Lust in der Angst finden, dürften wohl nie aussterben. Das zeigt Alain Guiraudies (Der Ausreißer) neuer Film in einer sich selbst übersteigenden Ekstase. Zwar bezieht er sich bei dem sommerlichen Drama auf den homo-erotischen Kosmos, lässt aber keinen Zweifel daran, dass er die heterosexuelle Angstlust in ebenso extremen Handlungsmustern verortet sieht. Dass DER FREMDE AM SEE in Cannes mit dem Preis für die Beste Regie bedacht wurde, darf als furioser Akt künstlerischer Anerkennung gewertet werden. Im Land der Dichter und Denker käme der Stoff hingegen sofort in die Ablage. Man(n) cruist hierzulande höchstens mit Autos oder Motorrädern. Im Zusammenhang mit der Suche nach einem sexuellen Partner ist der Code eher ungebräuchlich.
Am idyllisch abgelegenen Strand kommen sich täglich Männer die auf Badehosen starren näher. Wohl dem, der im angrenzenden Wald einen Quicky hat. Nur, hier gilt natürlich wie im übrigen Alltag - der Einzelne ist immer ein Produkt seiner Interessen. Nach der Triebabfuhr, ist vor dem Neuanstich. Gefangen im Trugschluss anhaltender Befriedigung oder gar im Banne glühender Liebesschwüre keimt sowohl die Fehleinschätzung der Selbstkontrolle als auch jene gegenüber dem Gefühlshaushalt vom Objekts der Begierde. Des Mannes Hörigkeit nimmt hier einen abgründigen Verlauf.
Der Film trifft sicher nicht unbedingt den Geschmack der Straße; zu speziell sind Thematik und Handlungsrahmen.
Wer sich freilich mit der explizit  freizügigen Inszenierung anzufreunden vermag, erlebt ein atmosphärisch-dichtes Kino-Werk.

(Martin Graetz)

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