Filmkritik - Von Caligari zu Hitler: Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen

Deutschland 2014 (Dokumentarfilm)
Regie: Rüdiger Suchsland
Mitwirkende: Rüdiger Suchsland, Fatih Akin, Volker Schlöndorff, Eric D. Weitz, Elisabeth Bronfen, Thomas Elsaesser

Szenenbild aus dem Film Von Caligari zu Hitler: Das deutsche Kino im Zeitalter der MassenEs war einmal ... Als das Wünschen nach relevanter Filmkultur innerhalb des deutschen Sprachraums noch geholfen hat und diese sich für ein sehr begrenztes Zeitfenster Weltgeltung erarbeitete, wurden die ästhetischen Grundlagen der „siebten Kunst“ geschaffen. Die Ära der Weimarer Republik (1918-1933) bündelte seinerzeit einen erheblichen Teil der künstlerischen Tendenzen zu einem explosiven Gemisch nach 1918. Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland reaktiviert mit seiner außerordentlichen Fleißarbeit - der diesbezüglich ersten Kinodokumentation überhaupt - das Gedächtnis und nicht zuletzt die latenten Ängste jener Epoche. Dabei beruft er sich im Wesentlichen auf das Titel gebende Standardwerk Siegfried Kracauers (1889-1966). Allein dieses Genie der Kulturkritik und der Geschichtsphilosophie, in dessen hellsichtigen Analysen sich die turbulenten Zwanziger Jahre so plastisch widerspiegeln, konnte der ideale Wegbegleiter für Suchslands Marsch durch die filmhistorischen Institutionen sein. Dem Kritiker und Neu-Regisseur Suchsland bei der Suche nach der verlorenen Zeit zu folgen illustriert freilich ungewohnte Zugeständnisse an die Filmkunst. Denn der verdienstvolle Versuch, die zu „Fußnoten geschrumpfte“ Bedeutung von damals geprägten und bis heute gültigen Leitmotiven, Archetypen, und Genres ins aktuelle Bewusstsein zu heben hat seine Mucken. Wohl im Wissen um die erdrückende Materialfülle driftet „die beste Zeit des deutschen Kinos“ trotz fast zweistündiger Vorführdauer in unangemessene Hektik ab.

Szenenbild aus dem Film Von Caligari zu Hitler: Das deutsche Kino im Zeitalter der MassenUm im jeweiligen Kontext bleiben zu können erwartet man vom Zuschauer ein sehr geschmeidiges Äugelchen und möglichst fachkundige Reflexe. Darunter leidet naturgemäß etwas die Übersichtlichkeit der cineastischen Huldigung. Dennoch überstrahlt die (Rück-) Sicht auf die gesellschaftliche Gemütslage von einst, auf die Blütezeit des deutschen Films, auf deren große Protagonisten vor und hinter der Kamera das aktuelle Kinoangebot. Regie-Größen wie Fritz Lang, Friedich W. Murnau, G. W.Pabst, Josef v. Sternberg oder Billy Wilder sind selbst Laien noch ein Begriff.  Gleiches gilt mit Abstrichen für Darsteller wie Marlene Dietrich, Louise Brooks, Emil Jannigs (erster OSCAR-Gewinner) oder Conrad Veidt.

Szenenbild aus dem Film Von Caligari zu Hitler: Das deutsche Kino im Zeitalter der MassenWas Vergangenheit und Gegenwart darüber hinaus verbindet kann man Kracauers klugen Aufsätzen entnehmen. Der legendäre Filmtheoretiker stellte bereits 1929 unter anderem fest: „Die Masse der Angestellten ist geistig obdachlos. … Aus seiner Dürftigkeit rettet sich das Leben vieler Angestellter in die Zerstreuung und löst sich in der nächtlichen Leere auf.“

Auch jenseits der Besäufnisse ist immer noch jede Menge Luft nach oben.

Martin Graetz

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