Filmkritik - Zwischen Welten

Lost in Afghanistan
Schon ihren letzten Film Die Fremde siedelte Feo Aladad zwischen Welten an. Während die Protagonistin dort zwischen der türkischen und deutschen Gesellschaft stand, bewegt sich der von Ronald Zehrfeld verkörperte Bundeswehrsoldat Jesper während eines Einsatzes zwischen der afghanischen und deutschen Welt.

Szenenbild aus dem Film Zwischen WeltenDas verbindet ihn mit seinem jungen Übersetzer Tarik (Moshin Ahmaday), der seinem Team zur Seite gestellt wird und von Jespers Kollegen reserviert aufgenommen wird. Tarik arbeitet schon seit geraumer Zeit für die Nato und lebt immer mit der Gefahr, von vielen eigenen Landsleuten als Kollaborateur angesehen zu werden. Seine größte Sorge gilt seiner Schwester Nala (Saida Barmaki), die Ingenieurin werden möchte und auch deshalb von Traditionalisten in einer von Männern dominierten Welt mit Argwohn betrachtet wird. Jesper ist zum zweiten Mal in Afghanistan. Sein Auftrag ist es, ein Dorf vor den Taliban zu schützen. Dort müssen seine Isaf-Soldaten mit einer Kampftruppe zusammenarbeiten, die von einem ehemaligen Tailban Haroon (Abdul Salam Yosofzai) befehligt wird. Nur durch die geschickte diplomatische Vermittlung Tariks, der immer wieder provokative Spitzen Haroons und Jespers in seiner Übersetzung weg lässt, kommt es zu einer Zusammenarbeit. Jesper hat bei seinem ersten, früheren Einsatz seinen Bruder verloren, der durch die Explosion einer Autobombe ums Leben kann. Diese Erfahrung sensibilisiert und motiviert ihn jedoch bei seinem aktuellen Einsatz, Order von oben zu misachten und auf eigene Faust und wider besseren Wissens, ein Höllenfahrtskommando zu unternehmen, um das Leben  von Tariks Schwester Nala zu retten.

Szenenbild aus dem Film Zwischen WeltenZWISCHEN WELTEN spielt hier mit dem gängigen Klischee der ignoranten Vorgesetzten und Bürokraten ohne diese der Lächerlichkeit preiszugeben. Denn in ihrer Weigerung, eine Freigabe für die Rettungsmission zu erteilen, versuchen sie das Leben anderer Soldaten zu schützen, deren Leben dabei aufs Spiel gesetzt werden könnte. Im deutschen Kino gibt es kaum Vorbilder für dieses Filmgenre. Dem stehen unzählige amerikanische Beispiele gegenüber, denen Feo Aladag jedoch nicht nacheifert, sondern einen eigenen, ruhigen Ansatz findet, diese Kriegsgeschichte zu erzählen. Bestimmte Motive und Rituale dieser Männerwelt dürfen auch hier nicht fehlen, doch wird auf Action, anders als im zeitgleich gestarteten Lone Survivor von Peter Berg (mit Mark Wahlberg) weitestgehend verzichtet. Schleichend nimmt auch die Spannung des Films zu, nachdem der Zuschauer langsam an die neue Welt heran geführt wird. Feo Aldags packt in ihren, mit hundert Minuten fast schon kurzen Film, jedoch zuviel Themen, die nie in ihrer Tiefe ausgelotet werden können.

Szenenbild aus dem Film Zwischen WeltenDer Film wurde mit Unterstützung der Bundeswehr an Originalschauplätzen gedreht und wirkt, so fern sich das von außen beurteilen lässt, sehr authentisch. Natürlich kommen Bedenken auf, wenn man liest, dass die Produktion des Film durch die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium unterstützt wurden, jedoch betont Feo Aladag immer wieder, dass das Team auch in der Postproduktion absolut freie Hand hatte und niemand Einflussnahme ausüben wollte. Sie und auch ihr Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld verstehen den Film als Anregung, sich über ein in Deutschland nicht sehr populäres Thema auszutauschen und es wieder verstärkt auf die politische Agenda zu nehmen. Bei aller betonten Neutralität liest sich der Film jedoch als deutliches Plädoyer für die Fortsetzung des Afghanistaneinsatzes.

Udo Glasmacher

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