Filmkritik - The Wolf Of Wall Street

Mit Gangs of New York (2002) begann eines der kreativsten Filmbündnisse Hollywoods Geschichte zu schreiben: die Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio. Filmtitel wie Aviator, Departed und Shutter Island folgten, die zweifelsohne als Meilensteine der Filmunterhaltung bezeichnet werden können. Auch das aktuelle Highlight der beiden Movie-Maniacs, THE WOLF OF WALL STREET, reiht sich nahtlos in diese Riege ein.

THE WOLF OF WALL STREETErzählt wird die Geschichte von Jordan Belfort, der in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts seine Version des amerikanischen Traums wahr machte. Aus dem Nichts erschafft Belfort bereits mit Anfang 20 ein Finanzimperium. Als Broker jongliert er mit Millionen und feiert mit seiner Maklerfirma “Stratton Oakmont" exzessive Erfolge. Und „feiern“ ist hierbei wörtlich gemeint. Denn Belfort zelebriert seinen Reichtum mit religiöser Inbrunst. Wobei seine heilige Dreifaltigkeit aus Luxus, Drogen und Sex besteht. Dass diese Trinität irdischen Lasters in Wahrheit jedoch nicht anderes ist als ein Substitut für die Seele, die ihm letztlich auch den Erfolg kostet, soll er erst viel später realisieren.

THE WOLF OF WALL STREET beinhaltet all das, was man von einem Scorsese-Film erwarten kann. Inhalt, Stil und Qualitätsanspruch überzeugen ebenso wie die fast schon als altmodisch angesehene sogenannte Message, die hier die Frage nach dem Preis der Seele thematisiert. Und DiCaprio zeigt sehr eindrucksvoll, dass Reichtum oftmals nur eine Ersatzdroge ist, deren Befriedigung nur von kurzer Dauer weilt. Weitere Indizien für die Drogenthese sind: Die Dosis muss ständig gesteigert werden und sowohl körperlicher, als auch geistiger Verfall sind unabdingbare Folgen des Konsums.

THE WOLF OF WALL STREETScorsese präsentiert uns hier ein Sittengemälde der gottlosesten Zeiten des letzten Jahrhunderts, in der ein Inferno aus Gier, Maßlosigkeit, und Materialismus die Welt regierte und diese in ein moralisches Vakuum führte. Dabei steht Jordan Belfort exemplarisch für jene Zeit. Durch ihn erleben wir hautnah und beispielhaft den Aufstieg und Fall eines Protagonisten jener Dekade. Doch bei aller enthemmten Grenzenlosigkeit ist Jordan Belfort auch nur ein Mensch mit Schwächen und Leidenschaften. Vielleicht sogar einer, wie wir ihn beneiden - zumindest zu Beginn der erzählten Geschichte. Denn dass materieller Wohlstand in diesem Umfang seinen Preis hat, eine dunkle Seele sozusagen, kristallisiert sich (auch für den Zuschauer) erst später zum unübersehbaren Nukleus der Geschichte heraus.

THE WOLF OF WALL STREETDass Scorsese einen Hang zur katholischen Betrachtungsweise der Welt hat, ist weder ein Geheimnis noch verwerflich. Zumal er dies nicht unhinterfragt tut und dem Zuschauer nie eine Sichtweise vorgibt. Hier gibt es weder Schwarz-Weiß-Malerei, noch moralische Urteile und auch die satirische Verbrämung wächst nicht über die ihr gebührenden Sticheleien hinaus. Und obwohl der ganze Film als eine mit Symbolen und Allegorien angereicherte Metapher verstanden werden muss, wirkt alles dennoch authentisch und realitätsnah. Der Zeigefinger bleibt unten. Der Zuschauer darf sich seine eigenen Gedanken machen, das Gesehene selbst moralisch einordnen. Kurz und gut: Der Film ist auch ohne Brille mehr als zweidimensional.

So sehr sich THE WOLF OF WALL STREET auch lückenlos ins Scorsese-Oeuvre einfügt, ist er doch näher an Casino als an Good Fellas dran. Was die drei Filme aber eint, ist das Interesse am Menschen, der für den Mammon seine Seele feixend in den Orkus rührt. Und während die beiden erstgenannten Beispiele in der amtlichen Unterwelt des Verbrechens angesiedelt sind, ist der Mittelpunkt des aktuellen Films die hochoffizielle heilige Kuh der kapitalistischen Welt: die Wall Street. Also da, wo wir schon immer die besseren (oder zumindest besser verdienenden) Menschen vermutet hatten.

THE WOLF OF WALL STREETEin weiterer Pluspunkt des Films ist ein durchweg brillantes Schauspielerensemble, dem man einige Überraschungen attestieren muss. Und dazu zähle ich nicht etwa den (erwarteten) schauspielerischen Höhenflug, zu dem sich „unser Leo“ unter der Leitung seines Mentors mal wieder aufschwingt sondern jemanden wie Ulknudel Jonah Hill, der hier Sidekick-Qualitäten an den Tag legt, die einen Joe Pecsi würdig sind. Als verhutzelter Pilotfisch des Protagonisten mit latentem Hang zum Gewalt-Choleriker stellt er hier erstmals Charakterdarstellerqualitäten unter Beweis. Oder nehmen wir Matthew McConaughey. Sein kurzer, aber sehr nachhaltiger Auftritt, in dem man ihm äußerlich seine nächste Rolle in Dallas Buyers Club bereits ansieht (sehr sehr mager), hinterlässt ebenfalls einen bleibenden Eindruck.

All dies sorgt dafür, dass die drei Stunden, die THE WOLF OF WALL STREET dauert, insgesamt kurzweiliger sind, als so manch müder Kurzfilm. Allerdings sei angeraten die Empfangsorgane auf Aufnahme zu schalten, denn auf einem toten Esel kann selbst der beste Jockey nicht gewinnen.

Peter Dickmeyer (MOV!E D!CK)

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