Filmkritik - Kind 44

(OT: Child 44)
USA, Tschechische Republik, Großbritannien, Rumänien 2015 (Thriller)
Regie: Daniel Espinosa
Darsteller: Gary Oldman, Tom Hardy, Joel Kinnaman, Noomi Rapace, Vincent Cassel, Xavier Atkins, Mark Lewis Jones, Fares Fares, Agnieszka Grochowska u.a.

Szenenbild aus dem Film Kind 44Es ist eines der dunkelsten Kapitel der sowjetischen Geschichte. Die Rede ist von den Nachkriegsjahren unter der Herrschaft von Josef Stalin, dem sogenannten Stalinismus. Eine Zeit, in der Kommunismus mehr als eine Staatsform war. Schon eher eine verordnete Überzeugung, religiöses Bekenntnis und glorifizierender Personenkult um Stalin, der die Sowjetunion mit eiserner Hand regierte. Alles in allem, so wie wir uns heutzutage ein Gefangenenlager in einem totalitären Land vorstellen. Leo Demidow gehört aber zu jenen, die fest an die kommunistischen Ideale glauben. Der ehemalige Kriegsheld arbeitet mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem er auch im 2. Weltkrieg gekämpft hat, nun für den Geheimdienst, was ihm und seiner Frau Raisa zu passablen Ansehen und Wohlstand verholfen hat. Doch sein bis dahin unerschütterlicher Patriotismus gerät tüchtig ins Wanken, als der Sohn eines Kameraden tot aufgefunden wird.

Szenenbild aus dem Film Kind 44Auch wenn alles auf ein Verbrechen hin deutet, ist das Problem, dass es im Arbeiterstaat der Stalinzeit offiziell keine Morde geben darf. Schließlich lebt man in einer perfekten Gesellschaftsordnung. Und so erklärt Leos Vorgesetzter, Generalmajor Kuzmin, den Tod des Jungen kurzerhand zu einem tragischen Unfall. Doch der Fall lässt Leo nicht mehr los. Denn noch größer als sein Patriotismus ist sein Gerechtigkeitsgefühl. Und so stellt er eigenmächtig Nachforschungen an. Mit erschütterndem Ergebnis: 43 Kinder sind auf die gleiche Weise gestorben wie der Sohn seines Kameraden – das 44. Kind. Das kann kein Zufall sein. Aber Leos Hartnäckigkeit bleibt seinem Vorgesetzten Kuzmin und der politischen Führung nicht verborgen, weshalb nun eine Kettenreaktion auf den unterschiedlichsten Ebenen ausgelöst wird, die sein komplettes Leben auf den Kopf stellt: Beruf, Ehe und Freundschaften. Und innerhalb kürzester Zeit ist nichts mehr so, wie es mal war.

Szenenbild aus dem Film Kind 44"Kind 44" liegt der gleichnamige Bestseller von Tom Rob Smith zugrunde. Den hab ich zwar nicht gelesen, aber was den Film auszeichnet, ist seine Balance zwischen den gleichwertig vorhandenen Elementen Krimi, zeithistorisches Drama, Thriller und menschliche Tragödie. Außerdem ist er ein hochkarätig besetzter Schauspielerfilm. Immerhin sind Tom Hardy (“Mad Max“), Noomi Rapace (“Verblendung“), Gary Oldman (“The Dark Knight“) und Vincent Cassel (“Trance“) dabei – um hier nur mal ein paar der bekannteren zu nennen. Zwar droht dieser Genre-Mix hier und da in eine Richtung zu kippen. Da er aber immer wieder die Kurve kriegt, muss man wohl davon ausgehen, dass das Absicht ist. Wahrscheinlich, um allen Aspekten den nötigen Raum zu geben. Und alles zusammen genommen, muss man „Kind 44“ bescheinigen, dass er auf seine Art einzigartig ist.

Peter Dickmeyer (MOV!E D!CK)

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