Filmkritik - Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht

„Eile dem Dasein nicht voraus, zugleichBild von Edgar Reitz
aber bleibe wach und munter, damit du
nicht hinter ihm zurückbleibst. Versuche
immer, Schritt zu halten mit dem Leben,
damit du es mit der Kamera beschreiben lernst.“
Edgar Reitz

In diesen Worten spiegelt sich nicht unbedingt der cineastische Zeitgeist unserer Tage, obwohl die finanzielle und personelle Größenordnung  der Produktion gemäß den deutschen Voraussetzungen beträchtlich, und somit eigentlich für coolere Sprüche freigegeben ist. Über ein Dutzend Partner stemmten das Budget von knapp acht Millionen Euro, um dem imaginären Heimat-Schlussakkord von Regisseur Edgar Reitz authentisches Leben einzuhauchen. Nach Vollendung der Trilogie (zwischen 1984 und 2004) war man geneigt, den Stoff für hinreichend beackert zu halten. Weit gefehlt.  Reitz nahm mit seiner CHRONIK EINER SEHNSUCHT erneut den Faden in der Hunsrück-Gemeinde Schabbach auf – back to the roots.  Die nun abgerundete Tetralogie bezieht sich auf das bislang  schmerzhafteste Merkmal seines historischen Panoramas. Vor dem Hintergrund elender Lebensbedingungen durchlebt das Publikum stellvertretend für die Protagonisten Ängste, die uns heute schlimmstenfalls über Drittländer vertraut sind.  Bereits damals, also Mitte des 19. Jahrhunderts, war die deutsche Realität mit Verordnungen, Verboten, Strafen zugepflastert; wohl nur um einige Grade härter, erniedrigender und auswegloser, als sich das Generationen später  nachempfinden lässt.  
Und schon damals galt: In Gefahr und größter Not ist der Mittelweg der Tod.  Da die politische Agenda seinerzeit keinerlei Umbrüche vorsah, machten viele Bewohner „rüber“ - nach Brasilien; nur weg von den sozialen Verwerfungen, von Willkür und Kälte ihrer an gestammten Umgebung.
Das Drama des erzwungenen Exodus deutscher Bauern verknüpft Reitz durch private Konstellationen. Mit dem episch angelegten Familienepos von immerhin 230 Minuten sorgte der mittlerweile 80-jährige Autor/Regisseur in Venedig für einige Furore.  Die Geschichte zweier Brüder, deren Träume ihr Rettungsanker sein soll, bezeichnet die ZEIT als größtes deutsches Filmprojekt der letzten 30 Jahre. In künstlerischer Hinsicht zumindest dürfte das Superlativ angemessen erscheinen.
Leider muss man diesen außergewöhnlichen Heimatfilm als Solitär seiner Gattung begreifen. Denn wer außer dem erdverbundenen Reitz verfügt hierzulande über visuelle Gestaltungskraft, die zu derart atmosphärisch verdichteten (Schwarz-weiß)- Bildern befähigt. So schnell wird sich für ein ähnliches Vorhaben kein Otto finden.
Leider aber auch haftet Teilen der Kritik ein ungehöriges Maß  Ignoranz an. Wenn in ihrer Wahrnehmung Splatter-Orgien und sonstiger Verschnitt höher im Kurs stehen, als ein international gefeiertes Werk, stellt sich durchaus die K-Frage.

(Martin Graetz)

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