Filmkritik - American Hustle

American HustleEs ist Ende der 70er Jahre. Und wer sich noch erinnern kann – oder genügend alte Fernsehserien gesehen hat – weiß, dass dieses Jahrzehnt allein schon äußerlich über so viele Alleinstellungsmerkmale verfügt, dass es sich prächtig als Kulisse für eine Geschichte eignet, die zugegebenermaßen auch in jeder anderen Dekade hätte spielen können, hier jedoch exotischer rüber kommt. Nie waren die Tapeten bunter und die Hemdkragen spitzer – ich glaube, heutzutage bräuchte man einen Waffenschein dafür. Ebenso für die Frisuren der 70ern, die aussehen als hätten die Herrschaften gerade die dritte Dschungelprüfung absolviert.

American HustleMittendrin in dieser Explosion von Primärfarben erleben wir Irving Rosenfeld (Christian Bale), der offiziell mehrere Waschsalons betreibt, aber den „richtigen Zaster“ mit äußerst dubiosen Geschäften macht. Zusammen mit Sydney Prosser (Amy Adams), die sowohl seine Geschäftspartnerin als auch Geliebte ist, hat er es zu einem kleinen bis mittleren Vermögen gebracht, der ihnen ein komfortables Leben ermöglicht. Doch dann taucht der leicht über-ambitionierte FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) auf der Bildfläche auf und bietet den beiden Trickbetrügern ein Geschäft an, „dass sie nicht ablehnen können“. Der FBI-Mann will die beiden als Lockvögel auf die Politprominenz ansetzen. Und am liebsten wäre es ihm, wenn sie Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) ans Messer liefern würden. Denn hinter dessen Saubermann-Image vermutet DiMaso Korruption und mafiöse Verbindungen. Und nicht zu Unrecht, wie sich schon bald herausstellen wird.

American HustleRegisseur David O. Russell veranstaltet gemeinsam mit seinem entfesselt aufspielenden Hauptdarstellerquartett ein irrwitziges Verwirrspiel, aus dem er viel komisches Kapital zu schlagen versteht. Denn jeder versucht jeden anderen irgendwie aufs Kreuz zu legen. – Oder vermutet, von einem anderen gerade auf Kreuz gelegt zu werden. Wobei sich keiner nie ganz sicher sein kann, wem er oder sie noch vertrauen kann. Und so entbrennt ein turbulentes Spiel um Verrat, Liebe und Rache, das manchmal Züge einer Boulevard-Komödie im 70er-Styling annimt.

American HustleUnd so ist AMERICAN HUSTLE der Höhepunkt einer dreiteiligen Filmreihe von David O. Russell, die mit The Fighter (großartig!) begann, mit Silver Linings (nicht weniger großartig!) fortgesetzt wurde und nun ihren krönenden Abschluss findet. Russell gelingt ein beeindruckendes Period-Piece, in dem das Jahrzehnt der Blümchenmuster und der zu langen Haare bis ins letzte (manchmal auch peinliche) Detail abgebildet wird. Das reicht hin bis zu den Manierismen der Protagonisten. Dabei wird aber das Augenzwinkern über die wilden 70er nicht zur Häme und auch nicht als Klamauk ausgeschlachtet. (Dafür sind andere zuständig.) Zwar braucht der Film eine Weile bis er in Schwung kommt. Aber das kann er sich ja leisten, schließlich ist er ja auch etwas über zwei Stunden lang. Hat er dann aber erst einmal Fahrt aufgenommen, reißt er einen mit, wie ein kleines, verspieltes Wal-Baby, das einem zum Kuscheln auf den Schoß springt. Entsprechend gehen die zehn Oscar-Nominierungen, allein schon vier für das komplette Darsteller-Quartett (beide Haupt- und beide Neben-Darsteller) vollkommen in Ordnung.

Peter Dickmeyer (MOV!E D!CK)

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