Filmkritik - Die Frau in Gold

(OT: Woman in Gold)
USA, Großbritannien 2015 (Drama)
Regie: Simon Curtis
Darsteller: Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Katie Holmes, Max Irons, Charles Dance, Antje Traue, Elizabeth McGovern, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu u.a.

Szenenbild aus dem Die Frau in GoldGustav Klimt (1862-1918), Sohn eines verarmten böhmischen Goldschmieds, Begründer und Hauptvertreter des Jugendstils der Wiener Künstlerbewegung, schuf unter anderem mit dem Titel gebenden Gemälde ein gleichermaßen beeindruckendes Personengemälde, wie schlechthin die Goldene Gans der Kulturszene. Sowohl die Entstehungsgeschichte des 1907 fertig gestellten Auftragswerks, als auch dessen verbriefte Implikationen konnte das Kino natürlich nicht kalt lassen. Mit der visuellen Umsetzung des braunen Hintergrunds betraute man den britischen Theater-Regisseur Simon Curtis. Der galt nach seinem Debütfilm “My Week With Marilyn“ (2011) als exzellentes Versprechen in die Zukunft. Inzwischen muss man diese Erwartungshaltung etwas zurück schrauben. Denn beim Versuch, die eigene Kreativität mittels der Holocaust-Thematik bestätigen zu wollen, überspannt Curtis den gefühligen Bogen zur „Goldenen Adele“ allzu auffällig.

Szenenbild aus dem Film Die Frau in GoldEs gab und gibt weltweit immer wieder irritierende Rechtsscharmützel um geraubte Kunst. Der österreichischen Verweigerungs-Haltung kommt aber in Bezug auf das einst durch Nazi-Deutschland enteignete Klimt-Werk nicht zuletzt wegen dessen spektakulärer Wertsteigerung herausragende Bedeutung zu. Das berühmte Porträt wurde unmittelbar nach seiner Requisition (1938) durch Vertreter des Tausendjährigen Reichs der Wiener Galerie übereignet. Im Wiener Schloss Belvedere sollte das Prunkstück nach dem Verständnis der Alpennazis in der Gemäldesammlung aufgehen und nur dort sollte “Die Frau in Gold“ ihre Strahlkraft entfalten. Die politische Instinktlosigkeit gegenüber den Opfern funktionierte über Jahrzehnte fabelhaft; gedeckt lediglich vom kleinbürgerlichen Trotz der jeweiligen Kultusminister und der Museumsverantwortlichen: „... sie gehört zu Österreich!“ postulierten sie, ungeachtet des Anspruchs rechtmäßiger Erben. Das Jahr 2006 bescherte dann den Sachwaltern der organisierten Verzögerung die verdiente Ernüchterung. Nach endlos scheinenden Auseinandersetzungen sprach ein amerikanisches Schiedsgericht den Nachgeborenen der Familie Bloch-Bauer das in Frage stehende Bild und vier weitere Klimt-Gemälde zu. Das sind Fakten, die 2007 bereits der britische Dokumentarfilm “Stealing Klimt“ offen legte.

Szenenbild aus dem Die Frau in GoldDer Curtis-Kunstthriller setzt den dramaturgischen Hebel bei Maria Altmann (Helen Mirren) in den USA an. Die betagte Dame, deren Tante besagte Bloch-Bauer war, bläst im Verein mit dem jungen Anwalt Randy Schoenburg (Ryan Reynolds) das Parforcehorn, um auf Basis der sogenannten Restitution ihre Interessen zu wahren. Dieser Feldzug führt sie bis vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Dabei schätzte man selbst in Amerika die Erfolgsaussichten, das inzwischen zum Nationalheiligtum avancierte Kunststück der Wiener Republik zu entwinden als minimal ein. Randys Kanzleichef sah das Kraftverhältnis sehr pragmatisch: „Glauben Sie wirklich, Österreich wird dieses Bild herausrücken, damit es über dem Sofa einer alten Dame hängt?“ Nun, letztlich war die Macht doch mit ihnen, den Einzelkämpfern Altmann/Schoenburg (Enkel des einstigen Zwölftöners). Dem braunen Hintergrund der Geschichte geht bei aller Faszination das Glamouröse ab. Mit der dann folgenden Transaktion wiederum verbindet man auch nur Banales. Der Kosmetik-Mogul Ronald Lauder bekam 2006 den Zuschlag für das Objekt der kulturellen Begierde; ein 135 Mio. $ Pappenstiel für das geschichtsträchtige Werk. Maria Altmann konnte dem Geldsegen übrigens nichts mehr abgewinnen. Sie verstarb 2011 94-jährig in Beverly Hills. Eine durchaus verfilmenswerte Story also. Fraglich hingegen, ob ihr bei dieser süffigen Hommage das Herz aufgegangen wäre.

Szenenbild aus dem Die Frau in GoldHelen Mirren, die überragende Charaktermimin, unterhält hier mit gleichmütiger Routine und mit Comedy- reifen Gagkaskaden, so als sei der Anlass für das heikle Unternehmen ein entlaufender Hund. Von innerer Anteilnahme, von Ergriffenheit etwa beim kurzzeitigen Besuch der alten Dame angesichts der veränderten Umstände in ihrer Heimaltstadt und der Begegnung mit deren aktuellen Repräsentanten ist nicht viel zu spüren. Und die seltsam dahin gewurstelten Verlegenheitsgesten der deutschen Riege erwähnt man am besten nur in den entsprechenden Talkrunden. Ach ja, zu bestaunen gibt es außerdem noch einen unsichtbaren Moritz Bleibtreu (als Gustav Klimt) - subtil gestrickter Gag. Alles in allem bietet "Die Frau in Gold" das, was man nach größtmöglicher Enttäuschung gepflegte Unterhaltung nennt.

Martin Graetz

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